Feuer, Hahn, Hase, Fotokunst, Antje Kröger, Masken, Leipzig Feuer

Dīngyǒu | F E U E R H A H N

iDEE/kONZEPT/eDITING: ANTJE kRÖGER

fOTOS HAHN: ANTJE kRÖGER

fOTOS HÄSCHEN: PAUL tHOMAS

Gerade hatte ich das Rennen gegen die Igel überlebt. Warum? Weil ich nicht bis zum 74. Rennen (als könne ich meinen Tod -voraus-ahnen) blieb. Ehrlich gesagt: Ich hatte die Flinte ins Korn geschmissen, schon nach Runde 65, glaube ich, einfach aufgegeben, Schwäche gezeigt, meinen Hochmut in die Tasche gepackt. So genau zählte ich unsere Versuche natürlich nicht mit und den „Betrug“ ahnte ich nicht einmal. Meine Schuld, ich weiß schon. Ich änderte diesmal mit meiner Aufgabe und meinem Überleben mir nix dir nix den Lauf der Geschichte. Warum? Weil ich unbändige Lust hatte, weiterzuleben, nicht einfach tot umzufallen in Runde 74. Ich wankte schon gehörig, aber ich fand den Absprung, der letzte Instinkt Hase in mir fand ihn, streckte dem Igel (Herrn oder Frau, wer weiß) meine Pfote entgegen, gratulierte zum Sieg und zog von dannen.

Ich war so kaputt, die Beine wackelten, mein Rücken knarzte, in meinen Öhrchen zuckte es gewaltig. Ich brauchte eine Pause. Ich wollte eine Pause. Verschnaufen, Kraft tanken. Nachdenken darüber, was mich die Igel lehren wollten. Mit schwerem Gepäck machte ich mich auf die Reise – zu meinem Freund, dem Hahn (dem stolzen, dem eitlen, dem prahlerischen, dem eindrucksvollen, dem freimütigen, dem aufrichtigen, dem loyalen). Lange schon hatte ich den Gockel nicht mehr gesehen.

Wir kannten uns aus Kindertagen. Ein ungleiches Pärchen waren wir gewesen. Aber wir mochten uns sehr, spielten den anderen Tierkindern Streiche, tanzten mit Wonne durch den nachbarschaftlichen Garten (dabei traten wir natürlich die frisch angelegten Beete der Frau Rabe nieder), zogen nachts durch Wälder und erschreckten uns gegenseitig oder ließen uns künstlerisch an den frisch gewaschenen Bettlaken der Frau Schwein aus. Zusammen waren wir albern, übermütig, kindlich naiv und manchmal auch respektlos. Ach, ich musste lächeln, während mir diese Erinnerungen in den Kopf schossen. So kam ich an bei des Hahnes Behausung, dieses Lächeln auf den Lippen.

Aber was war hier passiert? Schon von Weitem kroch mir Brandgeruch in die Nase. Als ich näher kam, sah ich von Ruß bedeckte Wände, kaputte Fensterscheiben, ausgehängt wackelnde Türen. Wo war denn nur der Gockel? Ich rief ihn. Nix. Ich rief lauter. Dann kam er angerannt. Auch seine dünnen Beinchen waren ruß-getränkt. Er krächzte heiser, schloss mich sofort in seine Arme. Er stank erbärmlich, ich konnte es nur ertragen, weil ich gleichzeitig auch das Zittern seines Körpers bemerkte. Ich fragte erst einmal nicht, spürte, dass wohl auch der Gockel gerade mit dem Leben davon gekommen war. So drückten wir uns erst einmal nur, eine halbe Ewigkeit.

Antje Kröger
Dīngyǒu | F E U E R H A H N - eine fotoserie der fotografin antje kröger in leipzig, auf den fotos sind zwei personen zu sehen, eine person mit hasenmaske, eine person mit hahnmaske, sie befinden sich in einer altbauwohnung, wo ein feuer gewütet hatte
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One thought on “Dīngyǒu | F E U E R H A H N”

  • Eine unheimlich starke Serie. Wieder und wieder ziehen deine Bilder mich in ihren Bann. Die Texte dazu sind ein Sahnehäubchen! Zart geben sie eine Richtung vor, ohne einzuengen. Da es hier nicht geht, nehme ich stellvertretend für die Reihe das Bild in der FC als Fav mit in mein persönliches Bilderbuch. Danke für das Teilen!

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9. Juni 2019

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026