Auf dem Nachttischchen aus Holz, das neben dem knarrenden Omabett stand, lag dieses wunderschöne DDR-Märchenbuch. Es war ein dicker Brocken und die Seiten waren mit einem goldenen Schnitt verziert. Als Kind dachte ich, dieses Buch wäre ein Schatz. Denn immer, nachdem Omama mir daraus vorgelesen hatte, verschwand es wieder in einer roten Box aus dicker Pappe. Dann war das wunderschöne Cover nicht mehr sichtbar, welches mich durch meine gesamte Kindheit begleitete.
Das Cover, das das niedliche Rotkäppchen zeigt, mit der riesigen roten Kappe, die spitz daherkam und mich eher an einen Zauberhut erinnerte. Das kleine Rotkäppchen mit den leuchtenden Wängchen und dem Körbchen gefüllt mit Wein und Schmaus in der einen Hand und einem Blumenstrauss für ihr Großmütterchen in der anderen. Um sie herum tanzen die Tannennadeln des tiefen Märchenwaldes und die fletschenden Zähne des Wolfsmauls. Ich liebte dieses Buch sehr. Immer, bevor Großmama mich in den Schlaf schickte, durfte ich ein Märchen für die Vorlesestunde auswählen. Als ich selbst noch nicht lesen konnte, bewegte ich einfach meinen Finger wild über das Inhaltsverzeichnis und stoppte irgendwann. Später suchte ich die Märchen nach für mich spannenden Titeln aus. Hatte ich keine Lust zu wählen, wurde das Rotkäppchen vorgelesen. Das ging immer und wurde nie langweilig. Irgendwann „lasen“ Oma und ich in verteilten Rollen. Ich wollte immer das Rotkäppchen sein. Natürlich. Und Oma sprach den Erzähler und den Wolf und die Großmutter. Ich war schon damals eine kleine Diva. Aber ich lernte auch so viel von dem kleinen Mädchen. Die Liebe, die Fürsorge, die Furchtlosigkeit, die Wichtigkeit von Wein und gutem Essen, die Vorsicht… Als mir neulich das rote Cape leuchtend über meinen Lebensweg lief, musste ich das Rotkäppchen wieder in mein Leben holen.














Werbung
NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

One thought on “Piroska (Einse)”