So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit

So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit

 

Durch die sensible Vorstellung meiner Kunst im Onlineauftritt des Sterns ist das mediale Interesse an meinen Bilderwelten derzeit groß. Es geht um meine Serie: Man reist ja nicht, um anzukommen…

Recht schnell nahm eine Redakteurin der Brigitte Kontakt zu mir auf. Sie fragte mich, ob sie meine Körperbilder auf der Website veröffentlichen könne. Ich schickte ihr Links von verschiedenen Serien, die dieses Thema „beinhalten“… und ich sendete auch Worte, weil ich gerade mitten in einem Shooting steckte und so nicht per Telefon zur Verfügung stand. Ohne mein Einverständnis wurde dann heute morgen einfach der folgende Artikel über meine Arbeit veröffentlicht. Warum schreibe ich das? Weil ich früher selbst Journalistin war, weil ich Journalistik studiert habe, weil ich darum bitten möchte, dass jeder seine kritisch, menschliche Betrachtungsweise behält, ohne den Medienmachern auf den Leim zu gehen! Ich habe folgende Worte zu meiner Kunst an die beiden Redakteurinnen der Brigitte gesendet:

 

So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit
So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit
So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit
So ver-rücken Realität und mediale Wirklichkeit

Liebe *,

derzeit habe ich viel um die Ohren, denn am Sonntag fliege ich nach Russland, deshalb nur in Kürze oder eben nicht so viele Worte, wie ich eigentlich sagen würde wollen, denn ich halte meine Kunst für wichtig, deshalb ist sie zu Recht sehr erfolgreich und ich bekomme viel Post und Feedback von Menschen, die ich sehr berühre!

Ich finde es schade, wenn ihr Euch begrenzt auf die eine Serie. Denn es ist nur eine „kleine“ Sichtweise“ von Körper, ich fotografierte und fotografiere so viele andere Sichtweisen, Spuren, Erinnerungen, Schmerzen… ich möchte auch keinesfalls in die Richtung „Ess-sucht“ gedrängt werden, mit der Nur.Sicht auf diese Serie. Es ist ein Thema, mit dem ich mich sehr ausgiebig beschäftige, aus meiner eignen Biografie heraus, die Menschen, die daran leiden, leben, kommen zu mir, aber nicht, um ein Mahnmal zu sein, sondern um mit mir Kunst zu machen. Deshalb nehme ich selbst Worte wie Magersucht und Adipositas niemals in den Mund und finde deswegen die Frage danach ziemlich banal! Die Menschen vor meiner Kamera sind meist „anders“, das heißt aber noch lange nicht, dass sie krank sind. Sie können dies sein, aber mit welchem Recht nehmen wir uns in dieser neoliberalen kapitalistischen Welt heraus, die Menschen in diese Schubladen zu packen, vor allem in die „gesund“ und „krank“ oder „fit“ und „unfit“ „schön“ und „hässlich“ „relevant“ oder „irrelevant“? …mich interessieren die Geschichten dahinter. Mich interessieren die Stärke und die Schwäche der Menschen, mich interessieren das Leben, die Liebe, die Nähe, der Schmerz, die Abgründe, die Gedanken, die Ideen. Mich interessieren Spuren, ich mag Menschen, die Grenzen überwinden und ich zeige sie fast nie in einer dokumentarischen Atmosphäre. Nein, ich inszeniere. wir spielen. Ich und die Menschen vor meiner Kamera. Ich objektiviere manchmal sie und manchmal mich. Ich demaskiere, ohne respektlos zu sein. Ich benutze den Körper als Projektionsfläche, ich mache Kunst.

Hättet ihr auf meiner Homepage ein wenig mehr recherchiert (ich war früher selbst Journalistin, wüsstet ihr einfach schon alles über mein Denken und Schaffen), denn ich habe schon sehr oft darüber geschrieben auf meinem Blog, weil ich schon das Gefühl habe, ich muss mich immer wieder erklären. z.B. warum hat ein Mensch Narben, nur ein Bein, Schambehaarung, ist dünn, dick, fett? Das ist das Geheimnis des Bildes. Ich bin keine Journalistin mehr, sondern Künstlerin, die über das Bild spricht. Egal, ob das zweite Bein von Geburt an nicht da war/ist oder es beim Autounfall abgetrennt wurde. Egal, ob sie dick ist, weil sie das Essen braucht, um ihren tiefen Hunger zu stillen oder sie eben nur gern isst. Das ist überhaupt nicht relevant, sondern mir ist wichtig, dass etwas mit dem Rezipienten passiert. Dass es ihn ekelt, zum Weinen bringt, staunend macht oder traurig…

„Man reist ja nicht um anzukommen“: diese Serie ist für mich sehr wichtig, weil ich mit der Veröffentlichung eine Tür geöffnet habe, eine Tür oder eine Grenze überschritten, es war damit noch klarer als vorher, dass ich mit und in meinen Bilderwelten leben will. Ein Jahr, nachdem die Serie entstanden ist, habe ich sie veröffentlicht. Falls ihr es nicht „verstanden“ habt, ich bin ein Teil dieser Serie. Mit dieser Serie habe ich viele Menschen schweigend gemacht und sie steht für die große Liebe. Die große Liebe zum Leben, zum Kampf, zum Anderssein. Mit dieser Serie habe ich allen gezeigt, dass ich es ernst meine und auch, wenn schon so viel Zeit vergangen ist, so viele neue Geschichten in mein Leben gekommen sind, überrascht es mich immer wieder, dass diese Fotos mich noch immer selbst so berühren, dass ich sie anlächle, dass sie immer der Beginn einer wichtigen Geschichte in meinem Leben sein werden und leider auch ein großer Schmerz, weil mit jedem Anfang ein voriges Ende einhergeht. Aber das ist meine sehr persönliche Geschichte und ich muss weinen, wenn ich das hier gerade aufschreibe, deswegen höre ich einfach auf.

Über Email bin ich immer erreichbar.

Ich hoffe, ihr könnt mit meinen Worten etwas anfangen,

Liebste Grüße aus Leipzig

Antje

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5. März 2016

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
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Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026