Allaeddin from Aleppo

Allaeddin

Gerade aus Istanbul wiedergekommen, wo ich fast jeden Tag mit den Themen Krieg, Flucht & Religion konfrontiert war, ganz anderes als hier in Deutschland, viel deutlicher, viel dramatischer, roher, aber auch vielfältiger, traf ich Allaeddin aus Aleppo (Syrien) in Leipzig. Ich bin immer noch beeindruckt ob seiner bisherigen Lebensgeschichte, ein wenig sprachlos auch, glücklich über die verbrachten Momente (wir mussten uns beeilen mit dem Fotografieren, weil die Sonne nur noch wenige Minuten für uns übrig hatte). Nach unserem fotografischen Gespräch lud er mich zu einem arabischen Essen ein und vielleicht werden wir zusammen im kommenden Frühjahr in die Türkei reisen, wo seine Mama mit drei seiner Geschwister lebt.

Allaeddin wurde in den 90ern in Aleppo in Syrien geboren, er ist das älteste von fünf Geschwistern. Sein Papa studierte in den 80er Jahren in Leipzig und lebt in Aleppo. Seine Mama (eine Lehrerin) wohnt derzeit mit drei seiner Geschwister in der Türkei, ein weiterer Bruder lebt auch in Leipzig.

Als Allaeddin sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Saudi-Arabien, weil Papa dort einen Job hatte, sieben Jahre später zog die Familie zurück nach Aleppo. Dort lebte sie in einem Haus mit zwölf anderen Familien, der Balkon war mit über 20 Quadratmetern riesig und man spielte Karten auf dem flachen Dach oder rauchte Shisha. Allaeddin traf sich oft mit Freunden, um Filme zu schauen, die Wochenenden waren für Familienbesuche vorgesehen, die Familien sind groß in Syrien. Er machte seinen Schulabschluss und fing an Elektrotechnik zu studieren.

Im März 2011 begann der Krieg. Allaeddin nahm an einer Demonstration teil, weil er sich Freiheit wünschte. Er wurde festgenommen, neun Monate verbrachte er im Gefängnis (er war gerade 19), in einem Raum, der vier Quadratmeter groß war, 4 Quadratmeter für ihn und 80! andere Menschen, einmal waren es sogar 106. Schlafen mussten die Gefängnisinsassen mit angezogenen Beinen im Sitzen. Allaeddin wurde gefoltert, dachte, dass er sterben würde. Für 750 000 Lira (ca. 1500 Euro) konnte seine Familie ihn aus dem Gefängnis freikaufen, aus dem 4-Quadratmeter-Raum, in dem jeden Tag 15 Leute starben, viele krank waren und Alpträume hatten, jede Nacht.

Nach der Haft flüchtete Allaeddin mit Mama und den Geschwistern in die Türkei. Der Vater kam in Aleppo ins Gefängnis. Drei Monate später rief Papa an und sagte ihm, er solle nach Deutschland „gehen“. Insgesamt würde die Flucht 7500 Euro kosten. Allaeddin fuhr nach Izmir in der Türkei, dann nach Griechenland, wo er für 75 Euro einen falschen Pass kaufte, von Griechenland flog er nach Rom, von Rom nach Berlin. In Berlin kaufte ihm ein Freund seines Vaters ein Zugticket nach Dortmund. Da gab es ein Auffanglager für Flüchtlinge. Angekommen in Berlin war er im Dezember 2014.

Von Dortmund ging es über viele kleine Zwischenstationen nach Leipzig, in die Stadt, in der sein Vater studiert und von der er seit Kindertagen nur das Beste gehört hatte.

Seit ein paar Monaten hat Allaeddin eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland, eine eigene Wohnung, er lernt die deutsche Sprache, damit er bald sein Studium weiterführen kann. Auch sein jüngerer Bruder ist in Leipzig angekommen. Er ist noch keine 18 Jahre alt, seine Flucht kostete die Familie weitere 2500 Euro. Er ging zu Fuß von der Türkei bis nach Österreich (über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn), von Österreich über München nach Leipzig gab es einen Platz im Zug. Seine Mama ist mit den übrigen Geschwistern weiterhin in der Türkei. Sein Vater unterrichtet immer noch die wenigen Studenten in Aleppo, meist Frauen, denn die Männer sind geflohen, tot oder in den Gefängnissen.

Allaeddin hat zwischen 15 und 17 Menschen an den Tod verloren, Menschen, mit denen er zusammen zur Schule oder zur Uni gegangen ist. Ein Onkel wurde von der syrischen Armee erschossen. Er glaubt, dass der Krieg andauern wird, sieben oder sogar zehn Jahre. Er wünscht sich am meisten so etwas wie Normalität und dass schon bald seine Familie wieder vereint sein wird. Er will nicht immer traurig sein, braucht ein normales Leben, egal wo, er möchte studieren und später arbeiten, natürlich auch feiern, Spaß haben, all‘ das. Er will nicht immer an seine Vergangenheit denken, er steht morgens auf, trinkt seinen Kaffee und geht zur Schule, normal, wie in seiner Heimat auch. Allaeddin sagt, dass er einfach glücklich sein möchte, lachen und Kontakt zu Menschen haben.

Zum Schluss frage ich ihn nach seinem Glauben. Er glaubt an keinen Gott, das tat er noch nie, er will frei bleiben, mag keine Religionen.

Porträt Mann, Fotografin Leipzig
Allaeddin
Porträt Mann, Fotografin Leipzig
Allaeddin
Porträt Mann, Fotografin Leipzig
Allaeddin
Porträt Mann, Fotografin Leipzig
Allaeddin
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Allaeddin
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27. Oktober 2015

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
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Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026