Gewebe - Aktfotografie Antje Kroeger - Leipzig

Gewebe

Zum ersten Mal stand ich unter dem Tuch einer Großformatkamera und habe mich der Energie eines für mich „starren“ Shootings hingegeben. Und all das während eines Workshops. Danke an die Hilfe meiner Mitstreiter. Die Magie der Arbeit mit dem analogen Material ist nicht beschreibbar, aber die Arbeit ist schweiß-treibend – und das ist gut so!

 … Dem Glauben zufolge war der Mensch ein glückliches Lebewesen, darin beinahe Gott ähnlich, ein Engel, der aus dem Paradies vertrieben wurde. Er selbst trägt als Mensch in Gestalt von Mann und Frau die Schuld für den Fall, der ihn ganze Stufen und Dimensionen hinabschleuderte. Bis heute müssen Männer und Frauen im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, um zu leben. Und alle sind sterblich »geworden«. Diese Geschichte, die kein Happy End bereithält, für niemanden, ist postfaktisch. Sie imaginiert einen Anfang, der im Heute endet – im Heute einer endlichen, veränderlichen Welt, in der alle Menschen sterben. Dort, in der Welt, in der wir leben und in die wir nach einem paradiesischen Anfang gefallen sind, herrscht der Tod. Die Vergänglichkeit des Lebens ist die Folge der Verfehlung eines einziges Paares gegen Gott. Seitdem sind alle, die ihm folgten, schuldig geworden. Der Fall aller ist auch in Zukunft unaufhaltsam. Unsere Biologie ist unser Fall. …

… Ähnlich wie wir stabile Netzwerke bilden oder versuchen, die losen Fäden unseres Lebens zu einer soliden Lebensgeschichte zu verbinden, erweist sich auch das luftige Gewebe des Teppichs als überraschend reißfest. Es kann zuweilen ein Leben tragen. Schließlich hat auch das Vertrauen, das wir zueinander haben, in Wahrheit keine andere Basis als ebendieses Vertrauen selbst. Vertrauen ist aus Vertrauen gewoben – und erweist sich dennoch in vielen Fällen als äußerst strapazierfähig. …

… Leider lösen sich hartnäckige Fiktionen manchmal erst im Angesicht des Todes in das auf, was sie sind: flüchtige Vorstellungen, die auf Ideen, nicht auf Realitäten aufbauen. Es ist von elementarer Bedeutung rechtzeitig zu erkennen, wie viel besser eine kooperative Struktur des Zusammenlebens ist als ein politisches Konstrukt, das in einer globalen Welt auf die Fiktion einer Isolation setzt. Der fliegende Teppich des Nationalismus verstellt nur die reale Bodenlosigkeit, die es zu akzeptiere gilt. Die Antwort auf die Angst vor dem Fall kann nur die Arbeit an einem Gewebe des Miteinander sein, das für die Zukunft von uns selbst, von unseren Kindern und für die gesamte Erde tragfähig ist. …

Scobel, Gert. Der fliegende Teppich: Eine Diagnose der Moderne 

Gewebe - Aktserie von Antje Kröger
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One thought on “Gewebe”

  • Liebe Antje,

    eine ganz wundervoll gewebte Bildergeschichte. Deine Ideen und deren Umsetzung bewundere ich immer wieder gerne. Der so passende Text lässt einen die Bilder umso intensiver wahrnehmen. Das bewegte Bild der beiden berührt mich.

    Lieben Gruß aus dem Süden. Sandra

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9. April 2017

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
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