Geliebtes Maedchen by antje kroeger

Geliebtes Mädchen

Ich wusste, dass sie mir diese Frage stellen würden. So viele Jahre trafen wir uns schon unregelmäßig, meist, um aus dem ein oder anderen Grund Fotos zu machen. Doch das war schon lange nicht mehr alles. Uns verband ein lockeres Band der Wertschätzung, der Freundschaft, des Austausches. Vielleicht wußte ich nicht um die Frage, vielleicht ahnte ich sie auch nur. Aber diese Ahnung reichte eben aus, dass ich mir bereits Gedanken um eine Antwort gemacht hatte, bevor sie diese eine Frage an mich aussprachen: Würdest du den Abschied von unserem Geliebten Mädchen fotografisch begleiten? Buff. Was für eine Frage. Die geht ans Eingemachte. Aber ich hatte ja die Antwort schon bereit gelegt zwischen meine Lippen, nachdem ich alle Möglichkeiten der Beantwortung durchgewalkt hatte in meinem Kopf. NATÜRLICH würde ich da(bei) sein. Mit meiner Kamera. Aber auch mit meinem Körper, meiner Seele, mit allem, was ich in solch einer Situation geben kann.

Nie hätte ich gedacht, dass mir diese Antwort doch so leicht fallen würde. Sie war da, obwohl ich doch schon immer solche schrecklichen Todesängste hatte. Der Tod war mir einfach nicht geheuer. Ich verdrängte ihn nicht, aber ich ging ihm doch aus dem Weg, in der Realität zumindest. In meiner Kunst dagegen durfte er schon ab und an mein Spielpartner sein. Aber nun das. Realität und Kunst vermischelt. Puh. Und all das im ersten Coronajahr. Bis dahin war meine naive Denke davon ausgegangen, dass sich alles im 2020er Jahre nur um die Pandemie drehen würde und um die eignen Problemchen damit. Erst ab diesem Zeitpunkt begriff ich, dass Leben (das übergeordnete, das MetaLeben) nicht einfach aufhörte, okay gestört vielleicht, aber so Vieles lief einfach weiter, drehte und wendete sich, ging geregelten Bahnen nach, änderte sich nur unmerklich.

Während des ersten „Lockdowns“ im pandemischen Zeitalter bemitleidete ich mich noch, sah meine Selbstständigkeit gefährdet. Aber nun, dank des Geliebten Mädchens stand wirklich eine existenzielle Veränderung ins Haus; zwar nicht direkt, aber indirekt wirkte diese natürlich auch auf mich. Ich war überrascht ob der Lektion, die die Kleine mich lehren würde und dann doch wieder nicht; denn in meinem Leben erlebte ich bisher häufig, dass eine Lektion auf eine andere folgte, alles mit allem zusammenhing.

Das Geliebte Mädchen starb im November des vergangenes Jahres. Sie wurde 1 Jahr und noch einen Monat alt. Auf ihrem wirklich letzten Wege war ich nicht dabei, spürte diesen aber verrückterweise irgendwie, erklären kann ich das nicht. Die Fotos entstanden fast vier Monate vorher auf der Intensivstation. Zweimal besuchte ich die kleine Dame, die sich im Coronasommer 2020 überlegte, noch nicht Abschied nehmen zu wollen, obwohl alle um sie herum daran gearbeitet hatten, loszulassen. So durfte ich das Leben fotografieren, durfte „einfach“ bei ihr sein, ihre Kraft spüren, durfte von ihr und ihren Eltern lernen, durfte Glück und Freude in Gesichtern sehen, aber auch Schmerz und Trauer – immer wieder. Es war auch für mich ein Auf und Ab der Gefühle, obwohl ich so weit weg stand vom eigentlichen Geschehen, immer irgendwie außen vor war.

Ich bin dem Geliebten Mädchen dankbar, dass es mich „verschont“ hat. Wirklich. Mutig wollte ich sein, mutig wäre ich auch gewesen. Aber so ist’s auch okay. Okayer wahrscheinlich – Und ich werde immer wieder an das Mädchen denken, geht ja gar nicht anders. Vor allem in den Situationen, in denen ich einordnen muss, was wirklich wichtig ist!

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3. Februar 2021

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
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