Trilogie Unernster Reiseentführer - Brügge

Trilogie Unernster Reiseentführer // BRÜGGE // April 2019 // Flemish Serenade


Pünktlich zu Weihnachten. Es gibt noch ca. 20 Trilogien (Preis: 30 Euro plus Versand) zu erwerben. Ihr könnt sie im Video bestaunen, die zusammengebundenen Pakete, wenn ihr die Fotos allerdings in Ruhe anschauen und die so wunderbaren Texte alle lesen mögt, dann schreibt mir eine E-Mail und ich informiere Euch über Lieferbarkeit. Schreibt an:

fotos@antjekroeger.de

(Ein klein wenig weiter nach unten gescrollt, seht und lest ihr Auszüge aus dem Reiseentführer Brügge.)

Fotos: Antje Kröger / Text: Tobias Crain


Route: Brüssel, Brügge, Ostende, Antwerpen


Trilogie Unernster Reiseentführer - Brügge
Trilogie Unernster Reiseentführer – Brügge
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DIE BRÜGGESTÜRMER

Keine Waffeln, kein Bier, kein Bosch. Das war Belgien für mich. Dafür faule Möwen, hirnrissige (oder hirntote) Autofahrer und viel zu früh geschlossene Einrichtungen und Geschäfte. Aber auch Pommes, Pralinen, aufgeweckte Dohlen, Rubens und Comics, Comics, Comics. Das soll nicht verschwiegen werden. Es kommt auf Reisen ja stets anders, als  erwartet. Und alles, was dem Reisenden verwehrt bleibt, wird durch anderes (nicht besseres, anderes) ersetzt oder ausgeglichen. In unserem Fall wollte ich in Flandern die viel gerühmten Waffeln essen, aus diversen Gründen klappte dies nicht. 

Dafür bekam ich im Eingangsgewölbe zum Belfort in Brügge die bisher eindringlichste Version von Under The Sea aus dem Arielle-Disney-Film zu hören. Ein etwa 11-jähriges Mädchen überströmte meinen Gehörgang mit Verve, dann mein Gehirn mit Emotionen und dann meinen Körper mit Goosebumps. Aber hören wir auf mit Aufzählungen von Dingen, die es nicht gab, lassen wir uns doch einfach treiben, in einem Land wie ein See so flach, aber nicht ohne Ausschläge nach oben, wie ein Herbststurm so stürmisch, aber nicht windig, von Menschen bewohnt, aber von Touristenmassen heimgesucht. Flandern – flaches, windumtostes Land, von der Nordsee auf den Kontinent gedrückt, vom Wind abgetragen alle Höhen, nur die Türme der Städte zeigen starr gen Himmel und halten Stand. Widerstehen Wind. Ertragen Besucherfüße. Erinnern an längst vergangene Tage. Flandern, wo sich die Zungen mischen, ein Konglomerat aus vier Himmelsrichtung-en, das zu einer flockig-eckigen Sprache erwächst. Flandern, besetzte Region, umkämpftes Gebiet, kleines fremdbeherrschtes Fleckchen. Flandern, heute so schön, heute so stolz, heute so eigen, heute so strahlend. 

Um uns die Welt wurde dunkler und das Radioprogramm besser. Selbst das Licht der Autobahn konnte der Musikauswahl der Sender nichts an Qualität nehmen. Es kann an der Dunkelheit, an der abendlichen Stimmung oder an der Müdigkeit liegen, dass man sich mehr auf die Musik einlässt. Aber der Hauptgrund für mein Empfinden, dass Radiosender außerhalb Mitteldeutschlands immer viel besser sind, kann auch einfach daran liegen, dass die Sender hier einfach so scheiße (Eintönig. Das, wo doch gerade der Ton die Musik macht…) sind. Ich schieße eventuell etwas über das Ziel hinaus in dieser Sache, aber wenn ich mit meiner ollen Antenne, meiner ollen Karre in Belgien Lieder empfange, die mehr Profil als meine Reifen haben, frage ich mich, warum in meiner Heimat immer nur das Beste der 70er/80er/90er und von heute kommt. Warum werden die 60er weggelassen? Eines der, wenn nicht sogar das interessanteste Jahrzehnt der Popmusik? Warum traut man sich nicht mal in die Sparte? Warum nicht mal die Leute fordern, mal was Neues spielen? Was neues Altes? Sammy Davis Jr.? George Jones? Tom Waits? Nina Simone? Und wenn, dann vielleicht nicht nur ihre größten Hits. Warum so ausgemachten Scheiß wie Eiffel 65’s Blue? Wie ich dieses Stück Schund hasse! Wie ich damit gequält wurde. Nichts hasse ich mehr als das. Und Radio PSR (Privater Sächsischer Rundfunk), der Sender, der mir das angetan hat. Während einer Woche Nachtschicht, der Kollege mit der Radiohoheit hörte nur PSR, wurde ich 5 Mal damit gefoltert. Im Schnitt 1 Mal pro Nacht. Aber, jetzt kommt’s, in einer Nacht 3 Mal. 3 Mal in 8 Stunden. (Ich frage mich gerade, ob es wirklich wirklich so war oder ob mir meine Erinnerung einen Streich spielen will. Hmm, wenn ja, dann zählt eine Rotation dieses Schund-Stücks schon als Heavy Rotation.) Ich hasse dieses Lied. Ich hasse diesen Kollegen. Er ist schon tot. Mittlerweile kann ich drüber stehen und wünsche ihm, dass seine Seele in Frieden ruht, aber nicht in Ruhe. In Ruhe nie! Nie! Aber etwas Gutes hatte es doch. Manchmal hörte er auch CDs. Durch ihn kenne ich Komm Doch Mit. Jahrelang dachte ich, es handele sich hier um eine frühe Form der späteren Band Die Prinzen. Der eingängige Song mit der vertrauten Stimme. Ich hörte das Stück wirklich nur ein einziges Mal, doch es setzte sich fest. Und erst jetzt, als ich das schreibe und mir die ganze Erinnerung wieder hochkommt, google ich das alles und sehe, dass es sich um Amor & die Kids handelt, Sänger war Tobias Künzel (daher der Prinzen-Verdacht) und höre, dass das Lied tatsächlich gar nicht so cool ist, wie ich es in meinem Hirn abgespeichert hatte. Aber so isses mit Erinnerungen, die macht man sich auch mal schöner, als sie waren. Im Falle Eiffel 65 kann ich das leider nicht. (Der Hass ist zu tief in mir verankert.) Das war ein langer Exkurs. Zeigt aber nur, wie sehr mir Radio am Herzen liegt.

Letztendlich fuhren wir mit den O’Jays und ihrem Love Train (ungehört in Mitteldeutschland…) in Brügge ein. Die bezaubernde Stimme des Navis, die sich den Tag über in eine ständig nölende, mich andauernd verbessernde Furie verwandelte, schickte uns angenervt durch das Kruispoort, eines der historischen Stadttore. Wir sahen links, auf den Wällen thronend die ersten beiden, der vier Brügger, Windmühlen. Und die Mühlen von Brügge sind in die Weltliteratur eingegangen, so erfuhren wir später von einer (zugegebenermaßen sehr flatterhaft erscheinenden) Touristenführerin, die ein deutsches Ehepaar in Einzelbetreuung durch die Stadt führte. (Sie fiel durch ihren stark russisch geprägten Kleidungsstil (Leoparden Mütze auf feuerroter Kaltwelle, Jeansweste mit Fellkragen (Es war wirklich kalt.) über Funktionsjacke in gelb (grell), hohe Stiefel mit Absatz (riskant auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen, aber sie meisterte es) und enge (enge) Jeans) auf.) Und sie sprach Deutsch mit slawischen Akzent. Sie jedenfalls erzählte, dass der spanische Nationaldichter Miguel de Cervantes, bevor er 1571 mit der spanischen Armada bei der Seeschlacht von Lepanto teilnahm, bei der seine linke Hand verstümmelt wurde, auf Umwegen als Matrose nach Brügge kam. Dort nur kurz verweilte, ihn die vielen Mühlen um Brügge so nachhaltig beeindruckten, dass sie später in sein Monumentalwerk Don Quijote Einzug feiern durften. Wie auch immer es um Windmühlen in der Literaturgeschichte bestellt ist, ich denke, die für Riesen gehaltenen Mühlen aus dem Don Quijote sind sicher die bekanntesten im Business. So wurden die Mühlen von Brügge die Hauptgegner des Helden im spanischen Nationalepos. Gegner, die der Held nicht besiegen konnte. Ist das eine späte Rache von Benelux für die spanische Herrschaft zu dieser Zeit? Man weiß es nicht. Man weiß überhaupt nicht, ob es wirklich so war oder ob sich die (ich nenne sie mal) osteuropä-ische Stadtführerin das alles nur zusammengesponnen hat. Was aber stimmt, definitiv, ist der dreifach gestiefelte Kater, der um die Bonne Chiere (die südlichste der vier Mühlen) schlich. Kann auch eine Katze gewesen sein. Und ganz wirklich schlich er nicht umher, sondern schlief auf einem der vier Pfeiler, auf denen die Mühle steht und wurde von mir geweckt, als ich für Fotos dort herumkletterte. Ein schönes, schwarzes Tier war das. Mit drei weißen Pfoten. Er glaubte sicher, ich will mir ein Paar Handschuhe aus ihm machen, er schreckte auf und sprang vom Pfeiler, ehe ich ihn überhaupt bemerkt hatte. Außer Reichweite beruhigte er sich aber und beobachtete mich kritisch, (Ich würde sagen, dass das sein kritischer Blick war.) wie ich da auf der Mühle herumturnte. (In Modelfachkreisen wird von Posing gesprochen, weiß eine Katze natürlich nicht…) Hier kommt eine Parallele zum Märchen, dort belohnt er ja sein Herrchen (Sagt man das bei Katzen überhaupt?) reichlich dafür, dass er ihn am Leben lässt. Mich beschenkte nun eben dieses Tier, von dem ich nichts weiter wusste, nicht mal ob Kater oder Katze. Und zwar mit meinem ersten Blick auf die Brügger Dohlen. Mit denen sollte ich später noch Spaß haben und sie waren die ersten von einigen interessanten Vögeln, die ich auf dieser Reise erleben durfte. Auch wenn man später zusammenfassend sagen muss, die Vögel in Belgien scheinen nicht gerade die cleversten zu sein. Später mehr dazu. Jetzt aber sah ich einen kleinen Schwarm Dohlen auf dem Rasen neben der Mühle landen. Der dreifach Gestiefelte drückte sich flach auf den Boden, Arsch der höchste Punkt und wackelte damit hin und her, sich langsam in Angriffsmodus bringend. Diese Dohlen, vielleicht die einzigen smarten Vögel in Brügge, hatten ihn längst geblickt. „Kja, Kja, Kjaaaak“ legten sie los und warnten sich  gegenseitig. Ganz unspektakulär flogen sie dann einfach auf, aber sie flogen gegen den gerade stark pustenden Wind und als sie eine gewisse Höhe hatten, kam eine kräftige Böe, als ob sie alle unisono plötzlich die Kraft aus ihren Flügelschlägen nähmen, ließen sie sich vom Windstoß nach oben und in die andere Richtung heben. Und das sah für den Sekundenbruchteil aus wie Ballett. Schwanensee mit Dohlen sozusagen. Kein Fotograf hätte diese Poetry in Motion eindringlicher auf meine interne Festplatte meißeln können. Der Kater stufte mich dann als ungefährlich ein, legte sich auf einen anderen Pfeiler und beachtete mich nicht mehr. 

So, nun habe ich schon auf den zweiten Tag vorgegriffen, dabei mussten wir erstmal das Hostel in der Dunkelheit suchen. Natürlich fuhr ich erstmal dran vorbei. So bekamen wir schon einen ersten nächtlichen Blick auf Brügge, der aber dem ersten wirklich nächtlichen Blick auf Brügge nicht das Wasser reichen konnte, denn bei dem war es leicht nebelig. Klingt toll, oder? Geheimnisvoll, oder? Leicht gruselig, schaurig, oder? War es auch. Aber erst ab ins Hostel, Sack und Pack abladen. Dann auf zur ersten richtigen Runde durch Brügge. Bei Nacht.

Erstmal einfach nur die Straße entlang und die Gegend erkunden, so lange einen die Beine noch tragen. Der erste Gänsehaut-Moment kam am Burg genannten Platz, wo gar keine Burg mehr auffindbar ist. Burgplatz also, man findet dort das neogotische Rathaus, den Justizpalast (Stadtverwaltung) und die Heilig-Blut-Basilika. Du läufst die lange Straße entlang, dein Blick gewöhnt sich an kurze Entfernungen und sucht an den Häusern und Geschäften nach kleinen Details (die es reichlich gibt), und plötzlich weitet die Architektur den Raum und du stehst auf einem Platz dessen Detailreichtum explodiert. Deine Augen können gar nicht so viel auf einmal an dein Gehirn weiterleiten und das auch gar nicht so viel verarbeiten. Die Gebäude angestrahlt von Scheinwerfern im Boden. Etwas, was sie gar nicht brauchen, sie haben von sich aus schon eine Strahlkraft sondergleichen. Keine orangenen Jacken, keine roten Basecaps, keine blonden Haare, die den Blick ablenken. Das war nicht unwesentlich, kaum Menschen auf dem Platz. Nur wenig, was den Blick auf sich zog. Das Ensemble konnte  seine ganze Wirkung nur auf dich entfalten, vollkommen. Auch gibt es dort keine Geschäfte, deren Namen in auffälligen Lettern überm hell beleuchteten Schaufenster hängt. Nichts. Nur die alte Schönheit der Gebäude.  Stolz steht es da, dieses Rathaus. Reckt sich in den Nachthimmel, mit seinen scharfen Kanten, den spitzen Türmen und den Statuen und der Fassade. Links daneben versucht die Oude Griffie, die alte Kanzlei mit ihrem goldenen Kleid aus der Ecke das Rathaus zu überstrahlen und rechts drückt sich leicht hinterhältig die Basilika des Heiligen Blutes in die andere Ecke. 

Welch ein Triumvirat. Das dreiköpfige

Monster der Gebäudekomplexe. 

Komplexe sollten alle anderen Gebäude in Brügge haben. Minderwertigkeitskomplexe! Haben sie natürlich nicht, sie sind ja alle selber geil. Wir konnten uns lösen und wollten mehr. Aber nur bis wir einen Fuß auf den großen Markt gesetzt hatten, dann waren wir satt. Wem der Burgplatz nicht reicht, um sich wie im Mittelalter zu fühlen, der trete auf den großen Markt und verschwinde in der Zeit für immer. Denn genau das geht dort nächtens. Man kann förmlich das Hufgetrappel der Pferde hören (Etwas, das am Tage trotz zahlreicher Kutschen, nicht geht. Zu viele Menschen/Touristen.) oder das Rufen der Marktschreier. Wir mussten uns eher vor Gespenstern vorsehen, denn es kam, wie erwähnt, ein leichter Nebel, mit ihm eine leicht gruselige Stimmung auf. Der Mond 

stand zwischen dem Haus Bouchoute und dem Craenenhaus, versuchte den dünnen Schleier vor ihm mit der Kraft der geborgten Sonne zu durchdringen. Noch nicht ganz Vollmond fehlte ihm dafür die Kraft. Umso mehr trug er aber zur schaurigen Atmosphäre bei, die über dem Platz lag. In gewisser Weise war das, wie Joni Mitchell sagen würde, unser foggy lullaby. Und das Joni Mitchell never lies, wissen wir von Q-Tip. Und der lügt auch nie. A Tribe Called Quest lügen nie. Und auch die Häuser in Brügge lügen nie, that’s for sure. Unser nebeliges Schlaflied begleitete uns „heim“ ins Hostel. An den Weg dorthin erinnere ich mich nicht mehr, vermutlich sind wir schon beim Laufen eingeschlafen. Ich weiß es nicht, aber am nächsten Morgen lagen wir in unserem Zimmer und da war die Kraft wieder da, und da war die Lust wieder da, auf Entdeckungen in dieser aus der Zeit gefallenen oder gegen die Zeit immune Stadt.

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2 thoughts on “Trilogie Unernster Reiseentführer // BRÜGGE // April 2019 // Flemish Serenade”

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28. November 2020

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
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Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
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Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026