Trilogie Unernster Reiseentführer

Trilogie Unernster Reiseentführer

Brno, Brügge & Budapest

von Antje Kröger und Tobias Crain

Seit dem Sommer liegen die hübschen Reise-Entführer-Heftchen bei mir im Atelier und warten darauf, dass ich sie endlich anpreise. Nie hatte ich Lust. Ich wollte lieber selbst reisen. Reisen. Reisen. Weg aus der Starre von 2020. Weg aus der Enge von 2020. Weg von Dummheit und Populismus. Und dann machten sich einige Trilogien fast von alleine auf die Reise. Besucher*innen in meinem Atelier entdeckten den kleinen Schatz und erstanden schon so einige Exemplare. Und schließlich, auf einem kurzen Ausflug nach Nürnberg erstanden Tobias und ich Prägestempel. Diese sind ab nun natürlich zusätzlich irgendwo zu finden auf dem Produktchen. Aber nun. Nun preise ich. Pünktlich zu Weihnachten. Es gibt noch ca. 20 Trilogien (Preis: 30 Euro plus Versand). Ihr könnt sie im Video bestaunen, die zusammengebundenen Pakete, wenn ihr die Fotos allerdings in Ruhe anschauen und die so wunderbaren Texte lesen mögt, dann schreibt mir eine E-Mail und ich informiere Euch über Lieferbarkeit. Schreibt an fotos@antjekroeger.de

Trilogie UNERNSTER REISEENTFÜHRER
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Brno
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Brno
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Brügge
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Brügge
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Budapest
Trilogie Unernster Reiseentführer
Trilogie Unernster Reiseentführer – Budapest

Es sollten nur wenige Zeilen zu acht ausgesuchten Fotos werden. Nur damit die schönen Namen, die die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Brno zieren, nochmal verewigt sind, geschrieben und gelesen werden. Nur ein Versuch das Ganze. Dann passierten Radek und Ivo. Dann passierte, dass die Worte immer mehr wurden, weil die Fotos immer mehr zu erzählen hatten. Weil die Menschen auf den Fotos zu oft zu denen gehören, die über- oder gar nicht gesehen werden. Schade. Denn sie erzählen viel. Wenn auch oft nicht mit Worten. Sondern mit Blicken, Gesten, Gebärden, Taten. Manchmal gewollt, manchmal unfreiwillig, immer ohne Schminke oder Fangnetz. Echt. So wie es ist und so wie sie sind. Abseits, aber voll im Leben, anders geht es nicht. Wenn Leben, dann immer voll. Es sind diese steinernen Stallungen, die wir Menschen uns bauen, um darin zu leben, um einander nah, aber nicht zu nah zu sein, die wir dreimal bereist haben, in denen sich immer wieder Dinge wiederholten. Friedhöfe, seltsame Pärchen, Steine zu imposanten Gebäuden zusammengefügt, Geschichten, die uns zuflogen, Geschichten, die wir uns erarbeitet haben, Vögel, B’s.

Als die getextete Fotostrecke also schon mit dem ersten Bild gestorben, naja, nicht direkt gestorben, eher ausgewachsen oder überwachsen, auf jeden Fall aber flügge geworden war, bildete sich eine neue Idee auf Basis einer kleinen Textpassage. Neben den Menschen im Schatten, auch den Städten im Schatten etwas (Spot)light zu spenden. Städte, die im Land unter einer überlebensgroßen Hauptstadt leiden. Unscheinbare Schönheiten. B-Städte in mehrerer Hinsicht. B-Stadt im Land, B als Anfangsbuchstabe, B wie die Bühne, die sie bekommen sollten. Spätestens jetzt ahnen wir, wie die ersten Naseweise beginnen zu maulen: „Die zweite Stadt von Belgien ist wohl eher Antwerpen.“ Kann so gesehen werden. Um diesem Argument vorzubeugen, haben wir Antwerpen also auch gleich noch einen Kurzbesuch abgestattet. „Budapest, was ist damit? Ist wohl ganz klar Hauptstadt!“ Wozu sind denn bitte Regeln da? Genau, um sie zu dehnen wie Ringseile. Vielleicht war Budapest mal die B-Stadt der k. u k. Doppelmonarchie?

Unsere Trilogie der B-Städte ist es nun geworden. Die Trilogie der Unernsten Reiseentführer. Brno-Brügge-Budapest. Gefüllt mit Begebenheiten, die uns widerfahren, Personen, die uns begegnet sind und Fotos, in denen Antje die Augenblicke festgehalten hat, die zu gern übersehen werden, die nicht wahrgenommen werden, weil sie so alltäglich erscheinen, die aber immer etwas haben, das stolpern, nachhängen, staunen und auch träumen und weiterdenken lässt. Momente, in denen sich jeder wiederfinden kann, die aber auch den Blick ab vom immer Gleichen in die Ecken lenkt, wo das Seltene und Ungewohnte liegt. Wenn man es denn zulässt, findet man. Der Augenblick, in dem man blinzelt, der für das Gehirn verloren scheint, auf diesen Fotos bekommt man ihn zurück geschenkt. Verlorenes bleibt bewahrt. Geschehenes wird beschrieben. Lücken werden gefüllt. Ungesagtes wird trotzdem aufgeschrieben. Lose Fäden aufgegriffen und verknotet zu den Schienensträngen des Lebens.

Drei Heftchen voller ausgelassener Geschichten und ausgelassener Menschen. Sie erfüllen keinen Zweck, außer in Schönheit zu sterben.

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4 thoughts on “Trilogie Unernster Reiseentführer”

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25. November 2020

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second

Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
Farbfoto, Rückenansicht einer Frau mit langem schwarzem Haar in rosa Kleid mit voluminösen Rüschenärmeln, glitzernde Handtasche in der Hand, roter Teppich, Gäste, Kinder und Kameramann bei einem Fest, rosa Luftballons, Stolipinowo, Plowdiw, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026