Traum Leben Geduld Hoffnung - Allaeddin: eine Fortsetzung

Traum Leben Geduld Hoffnung – Allaeddin: eine Fortsetzung

Ich gehe jetzt auf Techno-Parties, ganz exzessiv.

Mehr als ein Jahr ist es her, damals im Oktober 2015 besuchte mich Allaeddin zum ersten Mal, zu sehen und zu lesen auf meinem Blog…
Letzte Woche traf ich ihn wieder, den 23-Jährigen Syrier, bei einem Spaziergang durch Leipzig. Er strahlte mich an: „Ich habe Dir so viel zu erzählen!“

Bei italienischem Kaffee und Zigaretten ließ mich Allaeddin ein paar Tage später an den Geschichten seines Leben teilhaben.

Ich gehe jetzt auf Techno-Parties, ganz exzessiv, mit allem, was dazu gehört. Die Musik verschafft mir neue Gedanken und Hoffnung. Alle sagen, dass ich gut tanze. Früher war ich arabischer Sänger, angefangen habe ich mit 17 Jahren an der Universität. Ich war Mitglied einer Band, habe gesungen, auch im Krieg. In Deutschland fing ich dann an, Techno zu hören und auf diese Parties zu gehen. Die Musik, das Tanzen, die Menschen am Wochenende helfen mir, den Stress aus mir herauszuschmeißen. Das erste Mal war ich zusammen mit vier anderen syrischen Freunden bei so einer Party. Wir haben getanzt, alle hatten sich lieb, ich konnte mich entspannen. Das war ganz cool. Die Leute waren so offen. Ich mag das sehr.

Wie ist es Deiner Familie ergangen Allaeddin?

Mein Vater (ein Biologe) ist glücklicherweise mittlerweile in Leipzig und hat Asyl beantragt. Meine Mama, meine zwei Brüder (9 und 15 Jahre) und zwei Schwestern (8 und 12 Jahre) sind immer noch in Istanbul. Unsere Familie ist ja im Gegensatz zu vielen anderen Familien noch komplett, alle leben (außer ein Onkel, der 2012 ermordet wurde.) Oma, Opa und ein Onkel leben in Aleppo, zur Zeit ist dort zwar kein Krieg, aber viele Menschen werden immer noch festgenommen und landen dann im Gefängnis. Mein kleiner Bruder, der Ende des Monats 18 wird, lebt auch in Leipzig.

Ich hoffe Mama und meine Geschwister können bald nachkommen. Wenn sie in Deutschland landen, musst Du mitkommen, um Fotos zu machen.

Mein Vater wartet momentan auf seine Aufenthaltserlaubnis, um endlich wieder an der Uni forschen zu können. Im Januar dachte ich noch, dass meine ganze Familie nach Leipzig kommen würde . Ich habe extra meine Wohnung aufgeräumt, viele Dinge eingekauft, aber die Ausländerbehörde sagte mir dann, dass es nicht so passieren wird. Mein Bruder und ich fuhren zum Flughafen, um wenigstens Papa endlich wieder zu umarmen.

Wie sind Deine Pläne für 2017?

Mein Sprachkurs (C1) habe ich 2016 beendet. Jetzt warte ich bis Mai, um mich für ein Studienkolleg zu bewerben. Dort bereite ich mich ein Jahr lang für das Studium der Elektrotechnik vor, dass ich anschließend in Leipzig beginnen möchte. Ich habe zwar schon in Aleppo studiert, aber nur ein Semester lang, meine Zeugnisse konnte ich leider nicht mitnehmen. Bis dahin suche ich eine Arbeit. Ich habe schon in einer Pizzeria gearbeitet und Arabisch-Unterricht gegeben, auch um meine Sprache zu verbessern, der Kontakt zu den Menschen hat mir gut getan. Der Sprachkurs pausiert gerade. Für mich ist es schwer, in Leipzig einen Job zu finden. Das Jobcenter schickt mir Angebote für die Küche oder fürs Callcenter. Das ist viel zu schwer für mich. Ich würde auch gerne mit Flüchtlingen arbeiten, ich mag es zu helfen. Aber bisher konnte ich nichts finden. So bleibt mir derzeit nichts anderes übrig, als zu lernen (vor allem Mathe und Deutsch) und Freunde zu treffen. Durch die Techno-Parties habe ich viele, viele Menschen kennengelernt. Wenn jemand von ihnen etwas braucht, versuche ich mein Bestes zu geben, um ihnen zu helfen. Ansonsten bleiben diese Begegnungen eher oberflächlich. Aber ich habe ja einen besten Freund, Abdul (21 Jahre). In Syrien waren wir Nachbarn, wir sind zusammen geflüchtet und er wohnt auch jetzt ganz in meiner Nähe. Wir sprechen über alles, der ist wie ich!

… übrigens habe ich jetzt auch eine Freundin. Sie wohnt in der Nähe von Leipzig, sie ist Jüdin und so lieb. Gerade ist sie zu Besuch in Israel, ich würde gerne auch nach Israel, aber ich darf ja gerade nicht. Vor einem halben Jahr hat sie mich auf einer Party angesprochen. Wir verstehen uns richtig gut. Meinem Vater, der Moslem ist im Gegensatz zu mir, habe ich auch von ihr erzählt. Der hat mit der Beziehung gar keine Probleme. Er weiß ja auch, dass es mein Leben ist… und schließlich entscheidet ja nicht mein Kopf über meine Freundin, sondern mein Herz.

Beschreibe Dich in drei Worten!

Ich habe im Gefängnis so schlimme Dinge erlebt. Mit meiner Geschichte möchte ich anderen Hoffnung machen. Als ich im Gefängnis war, habe ich auf die Tür gestarrt und wusste, die Tür geht wieder auf, entweder ich bin dann tot oder lebendig. Es war für mich wie ein Test. Egal, wie lange ich bleibe, irgendwann werde ich wieder durch die Tür hinaus „gehen“.

Meine drei Worte: glücklich, glücklich, glücklich (und Allaeddin strahlt dabei!)

Das Leben geht immer weiter. Das ist meine Botschaft an die Menschen. Du musst immer Hoffnung haben. Auch ich habe viel Stress, aber das ist egal, ich kann mein Leben verbessern. Treffe ich Menschen, die unglücklich sind oder voller Vorurteile, dann erzähle ich meine Geschichte oder höre ihnen einfach zu.

 

Traum Leben Geduld Hoffnung - Allaeddin: eine Fortsetzung
Traum Leben Geduld Hoffnung – Allaeddin: eine Fortsetzung
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20. Februar 2017

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
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1. November 2026