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Gesichter

Gesichter (Johannes R. Becher)

Viele Gesichter trug ich, viele Gesichter
waren zu tragen mir auferlegt.
Wenn ich lachte, war oft die Haut nur
vom Lachen bewegt.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

Irrsinniges Weinen sprang
mir um die Lippen –
aber ich habe gelacht.
Habe mein Gesicht zum Lachen gebracht.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

In den Bergen habe ich mein Gesicht versteckt.
Wenn es Frühling wird, singt es im Wald.
Die Stadt aber hat mich mit Häusern bedeckt
und mit Asphalt.


Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

In dem Musikcafé einer kleinen Stadt,
die fünfundzwanzigtausend Einwohner hat,
sitzt ein Mädchen, roten Mohn an die Wangen geschminkt,
sie hat jedem Reisenden, der kam,
mit den Augen zugewinkt.

Schwarz-Weiß-Foto einer Person, die in gehockter Haltung über mehrere auf dem Boden liegende Spiegel gebeugt ist. Der Oberkörper ist nach vorn geneigt, die Arme greifen in das eigene Haar. In einem der Spiegel ist das Gesicht der Person klar zu sehen – ruhig, mit leicht gesenktem Blick und einer Hand im Haar. Die anderen Spiegel zeigen fragmentierte Reflexionen von Körperteilen. Der Boden besteht aus dunklem Holz, die Szene wirkt introspektiv und still.
Gesichter

Sie war ganz in Schwarz gekleidet,
trug einen weißen Spitzenkragen.
Ihr Gesicht war Widerschein
der vielen Gesichter, die auf ihr lagen.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

Ich glaubte damals, die Huren seien gefallene Engel,
von Gott in die Gruft der Städte versenkt.
Ihre Gesichter, wenn sie auch stumm sind, schreien.
Sie sind mit unsichtbaren Schleiern behängt.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

Vieler Menschen Gesichter
haben meinem Gesicht sich eingedrückt.
Mein Gesicht zersprang mir
Stück für Stück.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

Oft sah ich es nachts in den Straßen an mir vorübertreiben
und vor erleuchteten Schaufenstern stehen bleiben:

„Du, mein Gesicht!“
Aber es erkannte mich nicht.

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

Meine Augen trugen sie mir davon,
sie haben auch meinen Mund mitgenommen –
lange schon,
bevor ich in diese Stadt gekommen,

Gesichter-Fotokunst-Frau im Spiegel
Gesichter

haben sie in der Schule mir
in das Gesicht geschlagen,
und die vielen Toten, denen ich in das Gesicht geschaut,
haben ihr Gesicht in mein Gesicht hinein getragen.

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One thought on “Gesichter”

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4. Juni 2013

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