Antje Kröger | Fotokünstlerin

Die Erfahrung der Krankheit

Posted by on Jun 26 2016, in Mensch

Aktfotografie Antje Kroeger

“ In der Erfahrung der Krankheit lässt der Körper uns leiden: Da ist zum einen der Schmerz, der unseren Körper befällt. Und zum anderen wir, die wir diesen Schmerz durch unseren kranken Körper empfinden. Ist kein Schmerz vorhanden, erleben wir unseren Körper als den direkten Mittler unseres In-einer-bestimmten-Situation-Seins. Ich verfüge über meine schreibende Hand ja nicht wie über ein Instrument. Ich bin durch meine Hand hindurch, bin das, was meinem Gedanken hilft, in Schriftzeichen Form anzunehmen. Im Schmerz hingegen stehe ich einem Körperteil, beispielsweise der Hand, nicht länger mehr als Beobachter gegenüber. Ich bin, was die schmerzende Region angeht, wehrlos. Meine Hand tut mir weh: Sie besetzt mich, bedrückt mich, drängt sich mir geradezu auf. Der Körper, den man in der Krankheit entdeckt, ist ganz anders als der, den man zu kennen glaubte. So schreibt Proust in Die Welt der Guermantes: »Im Zustand der Krankheit merken wir, dass wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen ganz anderer Ordnung gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt, und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.«
 

Unser kranker Körper ist kein diskreter Gefährte mehr, sondern einer, der sich uns heimtückisch aufdrängt und sich nicht beiseiteschieben lässt: »Es ist mir nicht gelungen, mich meiner selbst zu entledigen. Ich bin das einzige Objekt meiner Aufmerksamkeit geworden. Man hat mich mir aufgedrückt. Man hat mich an meine Person genagelt.«

Die Krankheit rehabilitiert die Notwendigkeit einer engen Beziehung zum Körper, denn nun können wir uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass wir auch unabhängig von ihm sein könnten. Wenn mein Körper das ist, wodurch ich existiere und mich von anderen unterscheidet, treibt die Krankheit diese Erfahrung auf die Spitze. Gleichzeitig erlebt der Kranke sich als grundlegend ohnmächtig: Er weiß, dass er nicht mehr alles tun kann, was er möchte, da sein Körper kein Gegenstand der Außenwelt ist, sondern er selbst. Jeder Mensch kann versuchen, sich seines Körpers zu entledigen, doch wenn er krank wird, kann er die Empfindungen nicht mehr leugnen, die der Körper ihm verschafft und die ihn daran hindern, so zu leben, wie er es täte, wäre er nicht krank.“
Michela Marzano, PHILOSOPHIE DES KÖRPERS

 

Aktfotografie Antje Kroeger

Die Erfahrung der Krankheit

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Die Erfahrung der Krankheit

Comments

  • Selina

    Wunderbarer Text und Bilder die auch das Ausdrücken, was man oft nicht in Worte fassen kann.

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